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„Freilauf“ und Haltung im Wohnzimmer

Immer wieder tauchen im Internet Fotos auf, die Chamäleons beim „Freilauf“ im Wohnzimmer, wahlweise Schlafzimmer, Küche oder Balkon, zeigen. Dabei sitzen die Tiere auf Schränken, Gardinenstangen, laufen über den Teppich oder werden vom Besitzer auf Arm oder Kopf durch die Gegend getragen. Warum diese „Spaziergänge“ problematisch für das Chamäleon sind und weshalb ein Chamäleon unserer Meinung nach grundsätzlich in seinem Terrarium bleiben sollte, haben wir hier zusammengefasst.

Die ursprüngliche Idee der Terraristik ist es, sich ein bestimmtes Tier ins Wohnzimmer zu holen, dabei aber dessen Lebensraum der Natur so ähnlich wie möglich nachzuempfinden. Dazu zählen auch die klimatischen Begebenheiten, die man inzwischen dank unterschiedlichster im Handel erhältlicher Lampen, Terrarien, Pflanzen und anderer Utensilien gut nachstellen kann.

In von Menschen bewohnten Räumen sieht das Klima jedoch anders aus: Eine durchgehende Beleuchtung und damit eine Nachstellung des natürlichen Sonnenlichts ist selbst mit vereinzelten Lampen im Wohnzimmer nicht gegeben (zumal diese erreichbar wären und somit eine erhebliche Verletzungsgefahr darstellen würden). Auch die lebensnotwendige UV-B-Bestrahlung findet in Wohnräumen nicht statt. Normale Fenster lassen kein UV-B durch, das Chamäleon läuft aber instinktiv dorthin, wo es am hellsten ist. Normalerweise gibt es in der Natur dort Wärme und UV-B, im durchschnittlichen deutschen Wohnzimmer gibt es dort stattdessen Kälte oder trockene Heizungsluft.

Im Terrarium wird das Klima maßgeblich auch durch lebende Pflanzen bestimmt. Zwischen den Pflanzen wird die für die Haltung eines Chamäleons nötige Luftfeuchtigkeit erreicht. Wohn- oder Schlafzimmer sowie Küchen und andere Wohnräume jedoch können nicht dicht bepflanzt werden, geschweige denn regelmäßig besprüht werden. Somit herrscht im Wohnraum für ein Chamäleon eine stetig zu niedrige Luftfeuchtigkeit.

Ein weiteres Problem ist die Umgebungstemperatur. Im Terrarium kann man leicht ein Temperaturgefälle herstellen, das auch Sonnenplätze mit wärmenden Lampen und Temperaturen über 25°C anbietet. Durchschnittliche Wohnräume dagegen liegen bei 20 bis 22°C Raumtemperatur. Reptilien sind wechselwarm, passen also ihre Körpertemperatur der Umgebung an und können sie in einer kühleren Region nicht halten, wie es Menschen, Hunde und Katzen tun. Sie sind auf Sonnenplätze angewiesen, damit ihr gesamter Körper und damit alle Stoffwechselprozesse funktionieren können.

Ein Chamäleon, dass ständig oder immer wieder suboptimalen Umweltbedingungen ausgesetzt ist (hier: Temperatur, Helligkeit, UV-B, Luftfeuchtigkeit) wird langfristig ein schwächeres Immunsystem entwickeln und damit anfälliger für Krankheiten. Bei „Wohnzimmer“- oder „Fensterbank“-Chamäleons kann eine solche Haltung auch nach Jahren noch zu Erkrankungen führen, besonders häufig sind beispielsweise spät erkannte Lungenentzündungen.

Weitere Punkte, die stark gegen eine Haltung von Chamäleons außerhalb eines Terrariums oder „Freilauf“ sprechen:

Chamäleons sind extrem findig, klettern sehr gut und kommen an die unmöglichsten Orte. Schreibtischlampen, Flaschen und andere Gegenstände können jedoch leicht umfallen, wenn ein Chamäleon versucht, daran hochzuklettern. Meist fallen sie dann einfach samt dem Tier um. Auch gekippte Fenster oder zuschlagende Türen können leicht zu Gefahrenquellen werden, die bei einem relativ kleinen Tier wie einem Chamäleon im schlechtesten Fall tödlich enden. Es muss nicht gleich eine Herdplatte oder ein Beutegreifer wie Hund oder Katze sein – das durchschnittliche Wohnzimmer bietet auch so schon ausreichend Verletzungsquellen für Chamäleons. Diese kann man durch reine Terrarienhaltung vollständig vermeiden.

Chamäleons sind aber nicht nur vielen Gefahrenquellen ausgesetzt, sie können auch leicht hinter Schränken, unter oder sogar in Sofas oder anderen vermeintlich völlig unzugänglichen Orten „verschwinden“. Das mag im ersten Moment absurd klingen, ist jedoch die Realität. Sehr viele Chamäleonhalter, die ihr Tier im Wohnraum hielten, durften irgendwann schon einmal Stunden damit verbringen, das Chamäleon wiederzufinden.

Wird ein Chamäleon ausschließlich oder größtenteils außerhalb des Terrariums gehalten, so wird ihm meist auch eine der wenigen Möglichkeiten des environmental enrichments durch Futtertiere genommen. Im Terrarium muss das Tier wie in der Natur seinen Beutetieren nachstellen, im Wohnraum wird jedoch wohl kaum jemand Heimchen und Schaben frei laufen lassen wollen.

„Der kratzt ja an der Scheibe!“ – Ein oft falsch interpretiertes Verhalten.

Oft erzählen Chamäleonhalter, ihr Tier „wolle“ ja aus dem Terrarium, es kratze sogar an der Scheibe. Meist sucht das Chamäleon nicht das „Habitat Wohnzimmer“, sondern den hellsten Ort in der Nähe – oft ist das ein Fenster mit Sonneneinstrahlung. Sollte dies der Fall sein, ist der Fehler klar beim Terrarium zu suchen: Ist die Beleuchtung zu dunkel, gibt es zu wenig UV-B oder stimmen die Temperaturen nicht? Auch ein zu kleines oder unpassend eingerichtetes Terrarium kann ein Chamäleon dazu veranlassen, einen „besseren“ Platz aufsuchen zu wollen. Es folgt seinen Instinkten, kann jedoch nicht wissen, dass das Wohnzimmer ein noch ungeeigneterer Ort ist als sein offensichtlich suboptimales Terrarium. Hier sind wir als Halter gefordert, das Terrarium nachzubessern. Chamäleons kennen Glasscheiben übrigens nicht, da es in der Natur keine gibt. Sie können daher lange und unnachgiebig versuchen, durch die unsichtbare Barriere zu kommen. Auch hier sollte man als Halter Abhilfe schaffen und die entsprechenden Terrariengrenzen für das Tier „sichtbar“ machen. Damit erledigt sich das Problem schnell.

Zuletzt und abschließend ist ein Reptil im Wohnraum auch eine Frage der Hygiene. Als nicht domestizierte Wildtiere kann man Chamäleons nicht an bestimmte Stellen gewöhnen, an denen Kot und Urat abgesetzt werden sollen. Die Hinterlassenschaften landen also auf dem Boden, dem Sofa oder dem Küchentisch. Diese (und nur diese) Frage muss aber wohl jeder Halter für sich selbst klären.

 

Fazit

Der oft gut gemeinte „Freilauf“ ist bei Chamäleons leider meist keine gute Idee. Die bessere Wahl ist das artgerecht gestaltete, möglichst naturnahe Terrarium. Im Sinne des Tieres und seiner Gesundheit ist ein „Freilauf“ oder eine vollständige Haltung im Wohnzimmer sicher nicht.

Wer seinem Tier besonders viel Platz oder einen regelrechten Klettergarten anbieten möchte, der kann das mit größeren Terrarien oder zu Terrarien umgestalteten Räumen (mit versiegelten Wänden, entsprechender Bepflanzung, Regenanlagen usw.) oder im Sommer großzügigen Außengehegen ermöglichen. Damit entfällt auch der einzige vermeintliche Vorteil der Wohnraum-Haltung: Dass das Chamäleon einen deutlich größeren Bewegungsradius hat. Die Größe und Ausgestaltung des Terrariums ist letztlich vor allem eine Platz- und Kostenfrage des Halters, an der man grundsätzlich nicht auf Kosten des Tieres sparen sollte.