Fressfeinde von Chamäleons

Brookesia ebenaui im Montagne d'Ambre, 201
Furcifer timoni, male, Montagne d'Ambre, 2019
Calumma amber, male, Montagne d'Ambre, 2019
Palleon nasus in Ranomafana 2018

Das Wissen um Fressfeinde madagassischer Chamäleons entstammt mehrheitlich anekdotischen Berichten und (bisher) weniger systematischer Untersuchung. Auch wir beobachten immer mal wieder, wie Chamäleons in der Wildnis Madagaskars Opfer anderer Tiere werden. Jenkins, Rabearivony und Rakotomanana haben 2009 die bisher einzige Übersicht zum Thema publiziert. Man kann demnach davon ausgehen, dass auf Madagaskar vor allem Vögel und Schlangen Chamäleons fressen.

Bei den Vögeln sind zwei Greifvögel besonders hervorzuheben: Der Schlangenhabicht (Eutriorchis astur) und der Bindenfalke (Falco zoniventris). Bei diesen beiden Arten scheinen Chamäleons einen sehr großen Anteil der Nahrung auszumachen. Beide jagen vor allem in Baumkronen, was Chamäleons als Baumbewohner zur geeigneten Nahrung prädestiniert. Beim Schlangenhabicht wurde während einer Brut in der Regenzeit beobachtet, dass ganze 83% der Beute aus Chamäleons und Geckos bestand. Schlangenhabichte sitzen meist auf einem erhöhten Ast und beobachten von dort aus die Umgebung. Entdecken sie eine lohnenswerte Beute, fliegen sie darauf zu und ergreifen das Beutetier mit den kräftigen Krallen. Chamäleons werden dabei meist bereits durchbohrt und getötet. Mit der Beute fliegen die Habichte wieder zurück zu ihrem Aussichtspunkt, um sie dort Stück für Stück zu verspeisen. Auch von Madagaskar-Bussard (Buteo brachypterus), Echsenhabicht (Accipiter francesii), Hakenschnabelvanga (Vanga curvirostris), Madagaskarweihe (Circus macrosceles) und Höhlenweihe (Polyboroides radiatus) sowie Wanderfalke (Falco peregrinus) sind etliche Berichte bekannt, in denen diese Vögel Chamäleons als Futter erbeutet haben.

Berichte lediglich einzelner beobachteter Angriffe auf mittlere und große Chamäleons sind von Ohr-Eule (Asio madagascariensis), Malegasseneule (Tyto soumagnei), Helmvanga (Euryceros prevostii), Berniers Vanga (Oriolia bernieri), Weißkopfvanga (Leptoperus viridis) und Madagaskarfalke (Falco newtoni) bekannt. Sogar die schönen blauen Seidenkuckucke (Coua caerulea) und die sehr kleinen Madagaskarfischer (Corythornis madagascariensis) wurden schonmal mit kleinen Chamäleons als Beute erwischt. Nachaktive Vögel scheinen dabei nur selten mal ein Chamäleon zu erbeuten – vermutlich, weil Chamäleons nachts schlafen und bewegungslos schwieriger als Beute zu erkennen sind. Erdchamäleons werden seltener Opfer von Vögeln. Aber selbst diese kleinen und unscheinbaren Chamäleons wurden schon von entsprechend kleinen, auf dem Boden im Laub nach Futter suchenden Vögeln, namentlich Binden-Erd- und Blaukopf-Racken (Brachypteracias leptosomus und Atelornis pittoides), attackiert und verzehrt.

Bei Schlangen sind vor allem Mahafalynatter (Mimophis mahfalensis), Ithycyphus perineti bzw. Ithycyphus oursi und Madagascarophis colubrinus als Chamäleonfresser bekannt. Alle vier stöbern Chamäleons direkt in Bäumen und auf dem Boden auf. Auch bei diversen Schlangen der Gattung Phisalixella (ehemals Stenophis) und Parastenophis (Ph. variabilis, Pa. betsileanus) stehen Chamäleons immer wieder auf dem Speiseplan. Alle genannten Schlangen töten ihre Opfer mit einem Biss, während dem Sekret aus den sogenannten Duvernoy’schen Drüsen in die Wunde läuft. Die Duvernoy’schen Drüsen sind eine Art „primitiver Vorläufer“ echter Giftdrüsen. Das in diesen Drüsen produzierte Gift ist nicht besonders potent. Es wird bei Mahafalynattern, Phisalixella und Parastenophis über Giftzähne abgegeben, die weit hinten im Kiefer sitzen – ungefähr unter den Augen. Für große Säugetiere wie den Menschen ist das Gift der madagassischen Trugnattern eher harmlos und mit einem Wespenstich zu vergleichen. Chamäleons kann die Wirkung des Sekrets jedoch lähmen und sogar töten. Soweit bisher untersucht, handelt es sich bei dem Gift um ein Hämotoxin, es zerstört also Blutzellen.  Auf Madagaskar leben auch etliche Würgeschlangen, diese kümmern sich scheinbar jedoch weniger um Chamäleons als Beutetiere.

Wir haben bereits mehrfach beobachtet, wie Schlangen zwar Chamäleons per Biss töteten oder erwürgten, sie auf Grund ihrer Größe jedoch nicht verschlingen konnten. Es scheint, dass Chamäleons hin und wieder Opfer von Schlangen werden, die sich einfach mit ihrer Beute überschätzen. Die toten Chamäleons bleiben aber nicht lange liegen – sie werden von Insekten, Vögeln oder anderen Reptilien recht schnell in kleinere Teile zerlegt und dezimiert. Das erste Foto von links in der folgenden Reihe zeigt übrigens genau so eine Situation: Eine Phisalixella variabilis umschlang ein Furcifer oustaleti und tötete es mit einem Biss in Kopfnähe. Nachdem das Chamäleon tot war, versuchte die Schlange es zu verschlingen. Nach einer guten halben Stunde ließ sie davon ab, da das Chamäleon einfach nicht zwischen die Kiefer passte. Am nächsten Tag waren nur noch einzelne Knochen und etwas Haut vom Körper des Furcifer oustaleti übrig.

Einige Schlangen fressen einfach, was sie finden können – gerne im Boden vergrabene Eier, ab und zu mal ein lebendes Chamäleon. Zu diesen Schlangen zählen die Hakennasennatter (Leioheterodon madagascariensis) und Pseudoxyrophus ambreensis. Sie graben sich mit dem Kopf voran in den Sand oder den Erdboden hinein, um frische Gelege zu finden. Im Foto ist offenbar gerade eine Hakennasennatter im Trockenwald von Ankarafantsika fündig geworden. Die Eier werden im Maul mit den Zähnen angeschlitzt, damit Eigelb und Eidotter verdaut werden können. Die Eier von Chamäleons im Erdboden sind überhaupt anfällig gegenüber Fressfeinden. Dabei muss es sich nicht mal um Schlangen handeln. Selbst bestimmte Ameisen-Arten können Chamäleon-Eier zerstören.

Interessant ist, dass selten sogar Frösche in der Regenzeit mal Chamäleons fressen. Schlüpflinge landen in besonders regenreichen Jahren schon mal im Magen von Grasfrosch (Ptychadena madagascariensis) oder Mantidactylus femoralis. Vermutlich greifen auch andere Frösche zu Chamäleon-Schlüpflingen, wenn sie die Gelegenheit bekommen – es wurde bisher aber sehr selten beobachtet. Sehr kleine Chamäleons werden gelegentlich auch von Gottesanbeterinnen und großen Spinnen erbeutet.

Lemuren fressen ebenfalls eher selten Chamäleons – wahrscheinlich nur, wenn sich gerade eine sehr gute Gelegenheit dazu bietet. Kattas, Mausmakis und Fettschwanzmakis wurden schon beim Fressen von Chamäleons beobachtet. Eigentlich bevorzugen diese Lemuren Früchte, Blüten und Blätter. Maus- und Fettschwanzmakis ergänzen ihre Nahrung mit Insekten. In der Trockenzeit ist das Angebot an frischem Grün und Insekten in den südlichen Gefilden Madagaskar allerdings eher eingeschränkt. Ein Chamäleon kommt dann als „Notbehelf“ gerade recht. Auffallend ist, dass Lemuren bei Beobachtungen oft einen großen Teil ihrer ungewöhnlichen Beute unverzehrt zurückließen. Das deutet darauf hin, dass Chamäleons weder Hauptmahlzeit noch besonders häufiges Beutetier für Lemuren darstellen. Vielleicht schmecken Chamäleons den Lemuren einfach nicht. Es wäre aber auch möglich, dass Lemuren Chamäleons mehr aus Neugierde und zum „Ausprobieren“ denn aus Hunger töten.

Als weiteres madagassisches Säugetier bedient sich ab und zu die etwa kniehohe Fossa, das größte Raubtier der Insel, an der Chamäleonpopulation. Fossas sind kathameral, das heißt je nach Bedarf tag- und/oder nachtaktiv. Sie können problemlos auf Bäume klettern und dort entsprechend auch Chamäleons aufstöbern. Opportunistische Jäger wie die Ringelschwanzmanguste (Galidia elegans), der Große Breitstreifenmungo (Galidictis grandidieri), die Fanaloka (Fossa fossana) oder diverse Arten von Tenreks verschmähen ein Chamäleon ab und zu ebenfalls nicht. Tenreks stöbern vor allem im Laub, so dass ihre Opfer vor allem Erdchamäleons sind.

Eingeschleppte Hauskatzen und Wanderratten stellen auf Madagaskar zusätzlich eine zunehmende Bedrohung für Chamäleons dar. Katzen werden häufig auch von ärmsten Madagassen mitgefüttert, jedoch nicht kastriert, weshalb sie sich ungehemmt auf der Insel vermehren. Uns wurde bereits von mehreren Madagassen berichtet, dass Katzen sich teils sogar auf grabende Chamäleonweibchen „spezialisieren“ und gezielt am Boden nach Eier legenden Chamäleons suchen, um sie zu töten. Sie bedienen sich mitnichten nur an „unerwünschten“ Ratten und Mäusen in Häusern, sondern töten auch sehr erfolgreich Amphibien, Reptilien und Vögel. Katzen sind damit leider ein zunehmender Problemfaktor für die einheimische Artenvielfalt auf Madagaskar. Die folgenden Fotos stammen aus Andasibe, Ambilobe und Sambava. Wir hätten noch hunderte weitere. Selbst in den entlegensten Regionen Madagaskars sind inzwischen streunende Hauskatzen heimisch geworden. Ratten bedienen sich vor allem an Eiern, die sie ausgraben, anfressen und damit zerstören.

Der Mensch ist übrigens zwar kein Fressfeind, aber das größte Problem für Chamäleons auf Madagaskar. Durch Brandrodung und Holzschlag von Menschenhand verlieren viele Chamäleons ihren Lebensraum. Nicht alle Arten können wie die allgegenwärtigen Furcifer oustaleti oder die weit verbreiteten Furcifer pardalis problemlos in Sekundärvegetation überleben. Viele madagassische Chamäleonarten sind auf spezielle Lebensräume wie intakten Regenwald auf einer gewissen Höhe oder intakten Dornwald angewiesen. Der Mensch zerstört diese Chamäleon-Lebensräume auf Madagaskar seit vielen Jahrzehnten. Selbst ausgewiesene Schutzgebiete sind wegen der hohen und kaum einzudämmenden Armut auf Madagaskar von Zerstörung bedroht. Und auch durch seine Fortbewegung tötet der Mensch: Regelmäßig werden Chamäleons auf Madagaskars Straßen überfahren. Auch wenn es sich dabei in der Regel nicht um seltene Arten handelt, sind die betroffenen Chamäleons doch unnötig gestorben.

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